eStories: Logbuch zum Einsatz digitaler Medien in der Lehre

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Flipped Classroom: 3 Bausteine, die Vorlesungen lebendiger machen

Müller, Antje [gz314] - 30. Jun 2026, 12:40am

Die Uhr im Hörsaal tickt unbeirrt weiter, während die letzte Folie noch erklärt werden will – für Rückfragen, Diskussionen oder gar Anwendung bleiben dann großzügige zweieinhalb Minuten. Ein Szenario, das vielen Lehrenden vertraut sein dürfte. Gleichzeitig wird in den Modulhandbüchern ein beachtliches Zeitkontingent für das Selbststudium ausgewiesen, das didaktisch jedoch selten gezielt begleitet wird. Genau hier setzt das Konzept des Flipped Classroom an. In diesem Beitrag lernen Sie das Konzept und seine drei elementaren Bausteine kennen. 

Zwei Bilder einer Hörsaalsituation, einmal richtig rum und einmal auf den Kopf gedreht mit Pfeilen.
Quelle: Colourbox #221861

Was darunter zu verstehen ist

Beim Flipped Classroom – auch Inverted Classroom oder „umgedrehter Unterricht" genannt – werden die klassischen Lernphasen vertauscht: Die reine Wissensvermittlung wird in das asynchrone Selbststudium verlagert, während die gemeinsame Präsenzzeit für vertiefende, kollaborative Aktivitäten genutzt wird.

Es handelt sich dabei nicht um eine Methode im klassischen Sinn, sondern um ein Konzept, das die gesamte Veranstaltungsplanung prägt. Geeignet ist es für Seminare ebenso wie für Vorlesungen mit bis zu rund 100 Studierenden. Wie sich "Klassicher Unterricht" und das "Flipped Classroom"-Konzept gegenüberstehen, wenn auch hier sehr vereinfacht dargestellt, ist in der folgenden Abbildung zu sehen. 

Weniger frontal, mehr Austausch: Mit diesen 3 Bausteinen wird der Flipped Classroom zur Chance für eine lebendigere Hochschullehre. Die Grafik verdeutlicht das Konzept. Hörsaal-Situation und Nachbereitung, Flipped-Classroom: Zu Hause Aneignung des Lernstoffs, Gruppenarbeit im Seminar
Das Konzept des Flipped Classroom im Gegensatz zum klassischen Unterricht

Warum sich der Aufwand lohnt

Durch die Verlagerung der Inhaltsvermittlung entstehen in der Präsenzphase Freiräume, die für Diskussionen, Übungen und Anwendungsaufgaben genutzt werden können. Studierende können ihr Lerntempo individuell bestimmen, Materialien mehrfach durcharbeiten und Vorwissen angleichen. Die Präsenzzeit wird damit zu dem, was sie idealerweise sein sollte: ein Ort des Austauschs und nicht der einseitigen Beschallung.

Drei Bausteine für die Umsetzung

1. Konzeption: Zu Beginn sollten zentrale Fragen geklärt werden: Wo wird die Unterstützung der Lehrperson am dringendsten benötigt? Welche Inhalte eignen sich für die Selbstlernphase, welche für die Präsenz? Als Orientierungsmodell hat sich eine Lernzieltaxonomie bewährt. Was das genau ist, erfahren Sie in der Infobox.

2. Selbstlernphase didaktisch begleiten: Damit Lernmaterialien nicht nur oberflächlich überflogen werden (was bei einem 90-minütigen Video an einem Sonntagabend durchaus vorkommen kann), empfiehlt sich eine klare Strukturierung mit Leitfragen, Selbsttests und kurzen Verständnisaufgaben. So kann auch im Vorfeld erkannt werden, wo es noch hakt.

3. Präsenzphase neu gestalten: Hier wird mit Fragerunden begonnen, Verständnisprobleme werden gezielt aufgegriffen und durch aktivierende Methoden wie Think-Pair-Share vertieft. Die Rolle der Lehrperson verschiebt sich dabei spürbar: vom Vortragenden hin zur Lernbegleitung. Weitere Methoden wie Gruppenarbeit, Peer-Feedback oder Projektarbeit machen die Präsenzphase zu einer wertvollen Lernerfahrung.

Was ist eine Lernzieltaxonomie?

Eine Lernzieltaxonomie ordnet Lernziele nach ihrer kognitiven Anforderung : vom einfachen Erinnern bis zum kreativen Gestalten. Das bekannteste Modell wurde 1956 von Benjamin Bloom vorgestellt und 2001 von Anderson & Krathwohl überarbeitet.

Und der Bezug zum Flipped Classroom? Die unteren Stufen (Erinnern, Verstehen) eignen sich gut für die Selbstlernphase, die höheren Stufen (Anwenden, Analysieren, Bewerten, Erschaffen) entfalten ihr Potenzial in der gemeinsamen Präsenzphase.

Lernzieltaxonomie mit Taxonomie-Stufen unten Erinnern, Verstehen, Anwenden, Analysieren, Beurteilen, Schaffen (oben, Spitze).
Lernzieltaxonomie mit Taxonomie-Stufen nach Bloom (1956), modifiziert von Anderson und Krathwohl, 2001 (Bild: CC 4.0 Internat., Author: Nicoguaro)

Der größte Stolperstein

Das größte Stolperpotenzial liegt bei unvorbereiteten Studierenden. Eine schlichte Wiederholung der bereitgestellten Inhalte verbietet sich in den meisten Fällen aus methodischen Gründen, sonst würden vorbereitete Studierende bestraft. Hilfreich sind hier klare Verbindlichkeiten und ein souveräner Umgang mit der Situation, der im Vorfeld didaktisch durchdacht werden sollte.

Lust, das Konzept selbst zu erleben?

Im November wird ein Workshop für Lehrende der drei mittelhessischen Hochschulen angeboten, in dem die didaktischen Grundlagen des Flipped Classroom erarbeitet werden – und zwar konsequent nach dem Flipped-Classroom-Prinzip organisiert. In Selbstlernphasen wird die eigene Lehrveranstaltung auf Umgestaltungspotenziale analysiert, in gemeinsamen Online-Meetings werden die Inhalte vertieft und Peer-Feedback gegeben. So wird das Modell zugleich aus der Perspektive der Studierenden erlebt und die eigene Lehrpraxis sowie die Rolle als Lehrperson können unmittelbar reflektiert werden.

Was ist das Hochschuldidaktische Netzwerk Mittelhessen (HDM)?

Das Hochschuldidaktische Netzwerk Mittelhessen (HDM) ist ein gemeinsames Weiterbildungsangebot der Justus-Liebig-Universität Gießen, der Philipps-Universität Marburg und der Technischen Hochschule Mittelhessen. Es richtet sich an Lehrende aller Qualifikationsstufen – von Promovierenden über Postdocs bis hin zu Professorinnen und Professoren. Angeboten werden Workshops, Beratungen und Zertifikatsprogramme zu Themen wie Lehrplanung, Prüfungsgestaltung, digitaler Lehre, Methodenvielfalt und Lehrreflexion. Ziel ist es, die Qualität der Hochschullehre nachhaltig zu stärken und den kollegialen Austausch über Hochschulgrenzen hinweg zu fördern.

www.hd-mittelhessen.de

Über die Autorin und Trainerin

Dr. Antje Müller ist Diplom-Medienwirtin (Universität Siegen) und hat im Graduiertenkolleg „E-Learning" an der TU Darmstadt in Allgemeiner Pädagogik promoviert. Seit 2012 berät sie Lehrende der Justus-Liebig-Universität Gießen am Hochschulrechenzentrum zu digital gestützter Lehre – von Selbstlernmaterialien über hybride Szenarien bis zur didaktischen Konzeption ganzer Veranstaltungen. Sie verfügt über rund 20 Jahre Lehrerfahrung in Allgemeiner Pädagogik, E-Learning und Hochschuldidaktik.